Peter Thiers: "Miniaturen"

EPISODE 5


Es regnet. Über Arthurs muskulösen Körper strömt in gleichen Mengen Schweiß und Regenwasser. Er steht in einem zerrissenen Unterhemd vor Minas Balkon.

ARTHUR Mina! Hey, Mina! MINA! Mina-a-a-a-a-a!

Nachdem sie ihn lange warten lässt, tritt sie endlich hinaus und steigt die lange Wendeltreppe zu ihm hinab. Arthur fällt auf die Knie, noch immer durchnässt. Er greift Mina und nimmt sie in seinen Arm.

MINA (reißt sich los) Das finden die Erben von Tennessee Williams bestimmt gar nicht witzig.

ARTHUR Es muss nicht unbedingt Williams sein. Es kann sein, was immer du willst.

Mit einer Fingerbewegung von Arthur verwandelt sich die Szenerie in eine große Küche - auf der linken Seite zwei Gestelle mit Kupfer-, Messing-, Eisen- und Zinngeschirr; die Gestelle sind mit zackigem Papier garniert. Etwas weiter rechts zwei Glastüren, durch die ein Springbrunnen, blühende Fliederbüsche und einige Pappelbäume sichtbar sind.

MINA Mensch nochmal, einige Pappelbäume sind sichtbar. Jetzt fühle ich mich wie'n neuer Mensch.

ARTHUR Hältst du es für möglich, hier zu bleiben?

MINA Nein, das tue ich nicht! Was wollen wir machen?

ARTHUR Fliehen, reisen, weit von hier fort!

MINA Reisen? Wohin?

ARTHUR Nach der Schweiz, nach den italienischen Seen; sind Sie dort noch niemals gewesen?

MINA Warum siezt du-, ach, Teufel noch eins, spielen wir grad eine Szene aus Fräulein Julie?

Wieder eine kurze Fingerbewegung - plötzlich befinden sich die beiden in einer leeren, ausdruckslosen Fläche. Ihre Umgebung als "Raum" zu beschreiben wäre ein Euphemismus. Sie ist im tatsächlichen Sinne: ein Nichts.

ARTHUR Besser?

MINA Nein - du bist immer noch da.

ARTHUR Gerade heraus, ohne doppelten Boden. Weißt du, Mina, ich habe von Anfang an gewusst, dass du eine der interessantesten Frauenfiguren der gegenwärtigen-

MINA Dass ich was bin?

ARTHUR Eine interessante Frauenfigur.

MINA Entschuldigung, aber weißt du, wie anmaßend das ist? Hast du schon einmal jemanden sagen hören "Hilfe, dieser Schauspieler verwandelt seinen Charakter aber in eine der interessantesten Männerfiguren des 21. Jahrhunderts"? Nein. Warum muss man das bei Frauen immer dazusagen?

ARTHUR Muss man ja nicht.

MINA Umso schlimmer, dass du es machst.

ARTHUR Ach, Mensch, ein klassisches Arthur-und-Mina-Dilemma. Wie in den alten Tagen. Wusstest du, dass uns noch eine Folge bis zum Staffelfinale bleibt?

MINA Ja, wird sicher großartig. Sag mal, woher weißt du das alles?

ARTHUR Keine Ahnung - kam einfach so über mich. Ich kann mich nicht mehr erinnern.

MINA Wirklich? Du, derjenige, der innerhalb nur einer Episode scheinbar eine Art übernatürliche Macht über die Weltliteratur erlangt hat, du, der jetzt auf einmal in unserer Zweierdynamik plötzlich der Stärkere ist, gerade du kannst dich nicht erinnern?

ARTHUR Mir vergeht langsam die Lust daran, stets als dein Feindbild herhalten zu müssen. Meinst du nicht, dass ich einmal derjenige sein will, mit dem sich die Lesenden identifizieren? Dass ich das Gefühl haben will, für einen kurzem Moment im Recht zu sein? (er wartet auf ihre Antwort) Nein, weißt du was? Du willst mich als Feindbild? Du kriegst mich als Feindbild.

Noch einmal die Fingerbewegung - auch der Autor merkt nun mittlerweile, dass dieses Motiv der permanenten Verwandlung sich wahnsinnig abnutzt. Ein letztes Mal, versprochen. Nun: Ein gemütlich und geschmackvoll, aber nicht luxuriös eingerichtetes Zimmer. Rechts im Hintergrund führt eine Tür in das Vorzimmer; eine zweite Tür links im Hintergrund führt in Arthurs Arbeitszimmer. Zwischen diesen beiden Türen ein Pianino. Im sonstigen Raum diverses Mobiliar - wie ein Wohnzimmer aussieht, ist allgemein bekannt. Im Ofen ein Feuer. Wintertag. Mina tritt vergnüglich trällernd ins Zimmer, sie lässt die Tür zum Vorzimmer hinter sich offen. Ein Dienstmann übergibt einen Tannenbaum an das Hausmädchen.

MINA (zum Dienstmann) Wie viel?

DIENSTMANN Fünfzig Öre.

MINA Da ist eine Krone. Nein - behalten Sie den Rest.

ARTHUR Zwitschert da draußen die Lerche?

MINA Halt's Maul.

ARTHUR Poltert da das Eichhörnchen herum?

MINA Arthur-

ARTHUR (bedrohlich) Wann das Eichhörnchen nach Hause gekommen ist, frage ich.

MINA (resignierend) Diesen Augenblick. Komm, Arthur, und sieh dir mal meine Einkäufe an.

ARTHUR Ist das lockere Zeisiglein wieder ausgewesen und hat Geld verschwendet?

MINA Ich hasse dich.

ARTHUR Sag. Den. Text.

MINA (überbetont) Aber Arthur, dies Jahr dürfen wir doch wirklich ein bisschen über die Stränge schlagen. Sind es doch die ersten Weihnachten, wo wir nicht zu sparen brauchen.

ARTHUR Hör' mal, du, Luxus dürfen wir auch nicht treiben.

MINA Ich treib dir gleich ein Messer in die Halsschlagader.

ARTHUR Mina.

MINA (laut) Was?

ARTHUR Sieh dich doch einmal um! Wir haben ein Hausmädchen! Wir werden von Dienstboten beliefert! Verdammt nochmal, ich habe die letzten drei Sätze durchweg mit Ausrufezeichen gesprochen. Siehst du nicht, wie wichtig mir all das hier ist? Was mehr kannst du noch vom Leben verlangen - was mehr, als das?

Mina lehnt sich an den Ofen.

MINA Arthur-

ARTHUR Ja.

MINA Ich weiß das doch alles. Ich weiß doch, wie wichtig dir das ist. Familie. Ein Sinn, ein Zweck, um zu leben. Aber ich- (sie zögert) Warum fühle ich mich immer so-? Ich weiß genau, ich wäre sehr gut damit bedient, hier auf dem Sofa zu liegen, und die unvermeidliche Offenbarung durch Nils Krogstad zu fürchten. Aber es macht mich nicht glücklich, verstehst du? Letztlich ist es egal, ob ich Stella Kowalski, Nora Helmer oder Fräulein Julie, ob ich im 19. oder 20. Jahrhundert geboren bin. Ich fühl mich nicht frei.

ARTHUR Kann ich denn nichts tun, um-

MINA Nein, Arthur. Nein, kannst du nicht.

Eine lange Stille.

ARTHUR Mina?

MINA Ach!

Ende von Episode 5.

Visuelle Gestaltung: Sofia Korcinskaja, Text: Peter Thiers