Peter Thiers: "MINIATUREN"

EPISODE 3


Arthur hält sich, überaus umständlich und bemüht, ein Küchenmesser an die eigene Kehle.

ARTHUR (spricht ohne Ziel in den Raum) - und deshalb wirst du mir zuhören, auch in deinem Interesse. Über meine Vergangenheit werden wir sprechen, darüber, wie ich aussehe, mich bewege, wie ich aufgewachsen bin, und dann darüber, wie all das meine Sicht auf die Welt beeinflusst, und solange du nicht-

MINA Na? Bemühst du dich wieder, unseren Autor zu überzeugen, dich in eine dreidimensionale Figur zu verwandeln?

ARTHUR Mina, verdammt, ich versuche gerade dramatisch zu wirken!

MINA Ach so, das habe ich nicht gemerkt. Fahr gerne fort.

ARTHUR (in den Raum) Und ich brauche einen Love Interest, eine Freundin, oder mögliche Freundin, ich bin da ganz anspruchslos. Es könnte auch so eine "will they, won't they"-Geschichte sein, die nur von Anspielungen und vertrauten Blicken lebt, wie in Serien aus den 90er Jahren, ich bin für jede Möglichkeit offen.

Mina schüttelt den Kopf.

MINA Nimm das Messer weg, das ist peinlich. 

Arthur drück das Messer noch näher an seine Kehle.

ARTHUR (in den Raum) Es könnte auch Mina sein, weißt du? Es ist nicht nötig, dir eine komplett neue Figur auszudenken, es reicht schon, unsere Handlungsstränge etwas mehr zu verzahnen. Ich habe keine Schwierigkeiten mit dem "Adam und Eva"-Prinzip, wenn das etwas ist, das dich interessiert. Vielleicht halten wir uns dann auch eine Schlange, die spricht, wie dieser Kater in "Sabrina - total verhext!", oder Alf - kennst du Alf?

MINA Arthur, entschuldige kurz?

Arthur senkt das Messer.

ARTHUR Ja?

MINA Ich finde es toll, was du gerade versuchst, wirklich, und möchte deine Ambitionen und persönlichen Wünsche gar nicht in Abrede stellen-

ARTHUR Aber?

MINA Ich will absolut nicht dein Love Interest sein.

ARTHUR Was meinst du damit?

MINA Ich hab keine Lust, die Projektion deiner romantischen Wünsche darzustellen, das entspricht absolut nicht meinen Ansprüchen an eine harmonische Partnerschaft, und ich finde es, ganz ehrlich gesagt, etwas entwürdigend, dass du meine Heterosexualität ungefragt als Status Quo etablierst.

ARTHUR Tut mir leid, ich wollte nicht-, also, bist du denn-?

Eine lange, unangenehme Stille.

MINA Ich schäme mich gerade so, auf dem selben Stück Papier wie du zu existieren, du machst dir keine Vorstellung.

ARTHUR (spricht wieder in den Raum) Ist das die Antwort? Ist das deine Art, mir zu zeigen, dass du nichts-

MINA Arthur, jetzt hör doch mal auf, ich fand's am Anfang echt lustig, ha, ha, Mensch was habe ich gelacht. Aber jetzt ist langsam wirklich mal Schluss.

ARTHUR (in den Raum) Du willst also ein Ende? Das kannst du haben.

Arthur hebt das Messer wieder an. Trotz der Tatsache, dass sowohl Wetter wie auch Tageszeit bisher für Mina und Arthur nicht von Belang waren, glänzt die scharf gewetzte Klinge nun im strahlenden Sonnenlicht. Arthur hält sie näher an seine Kehle - doch gerade, und kurz bevor er den entscheidenden Schnitt machen kann, verwandelt sich das Messer in eine wochenalte Banane, die er sich, noch immer im Ausführen seiner vorherigen Bewegung, in einem braunen, matschigen Brei an den Hals drückt.

ARTHUR (beschämt) Wehe, du lachst.

MINA Oder - was? Du bedrohst mich mit deiner Banane? Pass auf, hier ist deine Backstory: Du bist eine verwöhnte Kombination aus Buchstaben, die gar nicht weiß, wie gut sie es hat, und genau diesen Umstand permanent zum Problem aller Anderen um sie herum macht - während in mir unnachgiebig der Gedanke heran wächst, dass wir uns in einer dialogischen Vorhölle befinden, dass du und ich, wir beide, es unserem Autor in einem anderen Text, in einem seiner anderen Projekte, ganz besonders schwer gemacht haben, und er uns deshalb, ausschließlich um uns zu bestrafen, in diesen wiederkehrenden, episodischen Albtraum verbannt hat.

ARTHUR Ist das wirklich das, was du denkst?

MINA Das ist es, was du nicht verstehst, Arthur: es ist völlig egal, was ich denke.

Mina verlässt die Szene. Ende von Episode 3.