DORIAN GRAY

Eine virtuelle Ausstellung

Das Kunstwerk, das der Maler Basil Hallward aus seiner Vorlage Dorian Gray schafft, dient dem jungen Dorian als ein Spiegel. Aber nicht als der Spiegel, der die Oberfläche zeigt, sondern als der Spiegel, den alleinig die Kunst anbieten kann: eine Wahrheit findet sich darin, die tiefer geht als das Wünschen und das alles auf eigene Gefahr des Betrachters. Es hat schon Witz: Künstler verraten sich in all ihren Kunstwerken, manchmal absichtlich, manchmal aus Versehen, dennoch: der oder die Rezipient*in erfährt mehr über sich als über die kunstschaffende Person im Betrachten ihres Werks.

Dorian Gray betrachtet sich im Spiegel, sein Bild ändert sich nie. Er betrachtet sich in seinem gemalten Abbild auf der Leinwand, und sieht, dass dessen Antlitz grausamer wird, von Stunde zu Stunde, Jahr um Jahr.

"Nie erörtere ich vor einem Bild: Vor einem Bild reagiere ich. Entweder vernehme ich nichts, ich bleibe gefühllos, leidenschaftslos, ich bin unpassioniert; oder ich bin im Gegenteil zutiefst bewegt, in Mitleidenschaft gezogen und weiß natürlich überhaupt nicht, warum. Vor diesem oder jenem Bild, das mich berührt, bemerke ich die Emotion. Dieses Bild hat mich bewegt und leuchtet in meiner Finsternis weiter, und erst viel später kann ich manchmal den analytischen Prozess in Gang setzen." sagte die Schriftstellerin und Philosophin Hélène Cixous 2009 in einem Gespräch.

Ob Kunst systemrelevant sei, fragen heute manche nach Wochen der Einschränkungen, und viele Kunstschaffende empört diese Frage - "Du weißt, wir Künstler müssen uns von Zeit zu Zeit in der Gesellschaft sehen lassen, bloß um dem Publikum ins Gedächtnis zu rufen, dass wir keine Wilden sind", sagt Basil Hallward, und wahrscheinlich trifft das etwas auf den Punkt.

"Das Bildnis des Dorian Gray" durch Oscar Wilde ist mehr als die Geschichte eines Narcissus, der sich selbst erkennt und damit sein Scheitern beginnt. Wildes Werk ist eine Zettelsammlung, über die Relevanz der Kunst und die Seele des Kunstwerks. Über die Verführung des Scheins und über das Geheimnis der Oberfläche.

Beunruhigen muss uns nur, was wir nicht benennen können. "Die Verführung selbst ist schwindelerregend - ich bin nicht schön, ich bin schlimmer", formuliert der Medientheoretiker Jean Baudrillard 1983. Etwa einhundert Jahre zuvor beschreibt Wilde es in seinem Vorwort zu "Dorian Gray" so: "Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche geht, tut es auf eigene Gefahr. Den Beschauer und nicht das Leben spiegelt die Kunst in Wahrheit."

Mit dem Vorgängerprojekt "Macbeth Macbeth Macbeth" ging eine Vielzahl an Künstlerinnen und Künstlern auf die Suche nach ihrem persönlichen Wahnsinn in Isolation. Jetzt fordern wir einen Klassiker erneut heraus: Ein Konvolut an Bildnissen des Dorian Gray. Eines schöner und verstörender als das Nächste. Und im Grunde nur eine Frage: Was ist die Aufgabe der Kunst?

Von und mit: Constanze Burger, Peter Fasching, Anna-Sophie Fritz, Judith Goldberg, Insa Griesing, Rebecca Halm, Levin Handschuh, Christoph Heinrich, Nikolaij Janocha, Sofia Korcinskaja, Katharina Lackmann, Mathilde Lehmann, Nanako Oizumi, Tina Orlovskij, Mirjam Rast, Frederik Rauscher, Tobias Rentzsch, Justus Ritter, Stephanie Schadeweg, Canan Venzky, Theresa Welge, Linus Wirth, Katharina Zerr, Lucca Züchner, Sören Zweiniger

Projektleitung: Mathilde Lehmann, Katharina Lackmann

Fassung, Organisation und Postproduktion: Mathilde Lehmann